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19. August 2026.

Verbrannte Erde III – und dann kam der Sturm

Gestern lautete die Frage noch:

Was regnet da eigentlich mit herunter?

Heute fliegen Dächer durch die Gegend.

 

Nun gut.

 

Der August scheint mit seinem Programm noch nicht ganz fertig zu sein.

 

Über den Norden von Rheinland-Pfalz sind am Abend schwere Gewitter gezogen. Dächer wurden abgedeckt. Bäume stürzten um. Fassadenteile und andere Gegenstände machten sich selbstständig.

 

Nach Wochen mit Hitze, Trockenheit, Niedrigwasser, Waldbränden und Rauch könnte man das Wetter inzwischen höflich bitten, sich für ein Thema zu entscheiden.

 

Tut es aber nicht.

 

Erst war da die Hitze.

 

Über 40 Grad.

 

Dann die Trockenheit.

 

Böden trockneten aus, Bäche führten kaum noch Wasser, der Rhein fiel auf historische Tiefstände.

 

Dann brannten Wald und Vegetation.

 

Nicht irgendwo weit weg.

 

Hürtgenwald.

 

Langscheid.

 

Westerwald.

 

Vordereifel.

 

Ortenau.

 

Und viele weitere Orte.

 

Der erste Text dieser Reihe begann deshalb mit verbrannter Erde.

 

Der zweite einen Tag später mit Rauch.

 

Rauch, der sich eben nicht an Kreis-, Landes- oder Staatsgrenzen hält.

 

Er zieht.

 

Und als es endlich regnete, kam die nächste Frage hinterher:

 

Was holt dieser Regen eigentlich aus der belasteten Luft wieder herunter?

 

Heute wäre Gelegenheit gewesen, diese Frage erst einmal in Ruhe weiterzuverfolgen.

 

Stattdessen:

 

Sturm.

 

Man könnte langsam den Eindruck bekommen, dieser Sommer arbeitet eine Themenliste ab.

 

Hitze? Erledigt.

Dürre? Erledigt.

Niedrigwasser? Erledigt.

Waldbrand? Erledigt.

Rauch? Erledigt.

Starkregen und Sturm? Bitte sehr.

 

Fehlt eigentlich nur noch, dass der Rhein morgen rückwärts fließt.

 

Wobei man mit solchen Sätzen im August 2026 vorsichtig werden sollte.

 

Natürlich sind Wetter und Klima zwei verschiedene Dinge.

 

Ein einzelner Sturm beweist keinen Klimawandel.

 

Ein einzelner heißer Tag auch nicht.

 

Ein einzelner ausgetrockneter Bach ebenfalls nicht.

 

Interessant wird es dort, wo sich Muster häufen.

 

Längere Hitzeperioden.

 

Trockene Böden.

 

Niedrigwasser.

 

Vegetationsstress.

 

Hohe Waldbrandgefahr.

 

Und dann Niederschläge, die stellenweise innerhalb kurzer Zeit mit einer Wucht herunterkommen, mit der ausgetrocknete Landschaften ausgesprochen wenig anfangen können.

 

Vielleicht ist das die eigentliche Absurdität:

 

Monatelang fehlt Wasser.

 

Und wenn es kommt, kommt stellenweise gleich das halbe Wetter mit.

 

Wir Menschen besitzen dabei eine erstaunliche Fähigkeit.

 

Wir betrachten jedes Ereignis einzeln.

 

Da ist eben Hitze.

 

Da ist eben Niedrigwasser.

 

Da brennt eben ein Wald.

 

Da riecht eben die Luft nach Rauch.

 

Da kommt eben ein schweres Gewitter.

 

Und am Ende entsteht aus lauter einzelnen „eben“ ein ziemlich auffälliger Sommer.

 

Vielleicht lohnt sich deshalb langsam der Blick auf das Ganze.

 

Natur ist kein Hintergrundbild.

 

Sie ist ein System.

 

Wasser, Boden, Wald, Luft, Temperatur und Vegetation hängen miteinander zusammen.

 

Wir können einen Fluss begradigen, einen Boden versiegeln, Wald wirtschaftlich optimieren und Landschaft entwässern.

 

Nur die Folgen lassen sich anschließend schlechter in einzelne Zuständigkeiten sortieren.

 

Der Baum interessiert sich wenig dafür, welches Ministerium für ihn zuständig ist.

 

Der Fluss kennt keinen Koalitionsvertrag.

 

Und ein Gewitter hält sich bedauerlicherweise auch nicht an politische Sommerpausen.

 

Vielleicht liegt darin sogar eine kleine Botschaft dieses Augusts.

 

Weniger Größenwahn könnte helfen.

 

Etwas mehr Respekt vor natürlichen Systemen ebenfalls.

 

Denn wir reden gern darüber, was Natur für uns leisten soll.

 

Wasser liefern.

 

CO₂ speichern.

 

Holz produzieren.

 

Landschaften kühlen.

 

Nahrung ermöglichen.

 

Erholung bieten.

 

Und möglichst hübsch aussehen soll sie dabei auch noch.

 

Vielleicht könnten wir zwischendurch einmal fragen, was dieses System eigentlich von uns braucht.

 

Bisher behandeln wir die Erde gelegentlich wie ein Ferienhaus, bei dem die Endreinigung bereits im Preis enthalten ist.

 

Ist sie offenbar nicht.

 

Gestern kam der Rauch mit dem Regen herunter.

 

Heute kamen Äste und Dachziegel hinterher.

 

Der August besitzt jedenfalls Humor.

 

Nur einen ziemlich trockenen.

Vielleicht verstehen wir an diesem Sommer gerade etwas, das Menschen mit komplexen Traumafolgen schon lange kennen.

Nicht das einzelne Ereignis allein ist entscheidend.

Es ist die Abfolge.

Gefahr.

Anspannung.

Funktionieren.

Kurze Entwarnung.

Und bevor der Organismus überhaupt wieder gelernt hat, dass die Gefahr vorbei ist, kommt das Nächste.

Pandemie. Hochwasser. Krieg. Inflation. Hitze. Dürre. Feuer. Rauch. Sturm.

Das macht aus einer Gesellschaft keine komplex posttraumatische Belastungsstörung. So einfach ist es selbstverständlich nicht.

Aber der Mechanismus dahinter wird plötzlich körperlich verständlich:

Erholung braucht Sicherheit.

Fehlt diese Erfahrung immer wieder, bleibt der Organismus leichter in Bereitschaft. Wachsamkeit steigt. Reizbarkeit steigt. Erschöpfung folgt. Konzentration wird schwieriger. Irgendwann reicht schon der nächste Alarmton, die nächste Sirene, die nächste Warnmeldung.

Menschen mit komplexen Traumafolgen müssen niemandem erklären, wie sich eine Welt anfühlt, in der hinter der nächsten Ecke schon wieder etwas kommen könnte.

Diesen Sommer bekommt die Gesellschaft davon eine kleine Kostprobe.

Jetzt spürt man plötzlich am eigenen Leib, was permanente Anpassung bedeutet.

Und vielleicht entsteht daraus sogar etwas Wertvolles:

mehr Verständnis für Menschen, deren Nervensystem seit Jahren genau in einer solchen Welt lebt.

Vielleicht versteht man jetzt ein wenig besser, wie sich komplexe Traumafolgen anfühlen können: wenn auf Entwarnung schon der nächste Alarm folgt – und dieser Zustand nicht ein paar Wochen dauert, sondern Jahre. Manchmal seit der Kindheit.


Hinweis:Diesmal gibt es keine Quellen. Nur Bauchgefühl. So etwas hatten Menschen übrigens schon, bevor sie für jede Wahrnehmung einen Link brauchten.