Neurodivergenz ernst nehmen

 

Ein Manifest über Nervensysteme, Regulation und strukturelle Verantwortung

 

Grundsatz und Position

 

Dieser Text ist kein Erfahrungsbericht und keine Meinungsäußerung.

Er ist eine fachlich begründete Position aus Pflegepraxis, neurobiologischem Verständnis und der systematischen Beobachtung neurodivergenter Nervensysteme bei Kindern und Erwachsenen.

 

Ich gehöre selbst zum neurodivergenten Formenkreis.

Diese Zugehörigkeit ist keine biografische Randnotiz, sondern eine relevante Erkenntnisposition. Sie begründet eine Innenperspektive auf Fokus, Überlastung, Shutdown, Meltdown, Paralyse, sensorische Dysregulation, Schmerz, Schlaf- und Erschöpfungszustände, die sich von außen nur begrenzt erfassen lassen.

Der Text verbindet diese Innenperspektive mit fachlichem Wissen. Beides ist notwendig. Modelle, die diese Perspektive ausklammern, bleiben unvollständig.

Neurodiversität, Neurodivergenz und Neurotypie

 

Menschen unterscheiden sich darin, wie ihre Nervensysteme Reize verarbeiten, Aufmerksamkeit steuern, Stress regulieren, Bedeutung herstellen und mit ihrem Körper in Kontakt bleiben. Diese Vielfalt wird als Neurodiversität beschrieben.

 

Neurotypisch bezeichnet Verarbeitungs- und Regulationsweisen, die mit gesellschaftlichen Erwartungen weitgehend kompatibel sind.

Neurodivergent bezeichnet Verarbeitungs- und Regulationsweisen, die davon deutlich abweichen.

 

Zum neurodivergenten Formenkreis zählen – beispielhaft und nicht abschließend – ADHS-assoziierte Muster, autistische Wahrnehmungsweisen, Dyslexie (Lese-/Rechtschreibverarbeitung), Dyskalkulie (Zahlen-/Rechenverarbeitung), Dyspraxie, Tourette-Spektrum, ausgeprägte sensorische Sensitivität (HSP) sowie traumaadaptierte Regulationsformen. Diese Ausprägungen sind keine isolierten Kategorien, sondern überlappende, dynamische Formen der Nervensystemorganisation, die sich über Lebensphasen hinweg verändern können.

 

Entscheidend ist nicht das Etikett, sondern die Frage:

Unter welchen Bedingungen kann dieses Nervensystem regulieren?

Fokus als biologischer Systemzustand

 

Viele neurodivergente Menschen erleben Fokus nicht als dauerhafte Fähigkeit, sondern als Zustand, der entsteht, wenn Sicherheit, Interesse und innere Stimmigkeit zusammenkommen. In diesem Zustand arbeitet das Nervensystem tief: Scanning, Mustererkennung, Analyse und Vernetzung.

 

Dieser Fokus ist keine Zerstreuung, sondern eine hochkomplexe Form der Verarbeitung mit hohem Ressourcenverbrauch. Er bildet die Grundlage vieler Inselbegabungen – und erklärt zugleich, warum Übersteuerung wahrscheinlicher wird, wenn äußere Belastungen hinzukommen.

Überlastung und Einbruch: Wenn der Filter kollabiert

 

Kommen zur inneren Arbeitsintensität äußere Belastungen hinzu – Lärm, visuelle Unruhe, soziale Unklarheit, Zeitdruck, Kälte,  klimatischer Belastungen oder fehlende Erholung –, kippt das System biologisch. Stress- und Schmerzverarbeitung sind gekoppelt: Schmerzhemmung fällt weg, Muskeltonus verändert sich, Reizfilter brechen zusammen. Schlaf kippt, Erschöpfung nimmt zu.

 

Viele neurodivergente Menschen wachsen unter Bedingungen auf, die dauerhaft überfordern, beschämen oder sanktionieren. Trauma ist hier nicht die Ausnahme, sondern eine häufige Begleitrealität.

Paralyse, Shutdown und Meltdown – alltagsnah erklärt

 

Paralyse: Erhaltene Intentionalität bei blockierter Ausführung. Der Wunsch zu handeln ist da, die Kopplung fehlt. Dieser Zustand ist extrem anstrengend und verhindert Entspannung.

 

Shutdown: Rückzug und Abschaltung. Sprache und Aufnahmefähigkeit brechen ein. Ein Kind kommt aus der Schule und „nichts geht mehr rein“. Das ist keine Verweigerung, sondern Schutz.

 

Meltdown: Entladung. Weinen, Wut, Panik, motorische Unruhe. Für Außenstehende „unverhältnismäßig“, für das Nervensystem eine Notfall-Entladung.

 

Allen Zuständen gemeinsam ist der Verlust kognitiver Zugriffsmöglichkeiten. Appelle, Erklärungen oder Korrekturen greifen dann nicht. Wirksam bleibt Sicherheit: räumlich, sensorisch und emotional.

Selbstverletzung, Suizidalität und Systemfolgen

 

In Zuständen von anhaltender Überlastung, Meltdown oder Paralyse treten bei neurodivergenten Menschen überdurchschnittlich häufig Selbstverletzungstendenzen auf. Diese sind nicht primär Ausdruck eines Todeswunsches, sondern der Versuch, überwältigende innere Spannung, Schmerz oder Dissoziation zu regulieren. Ebenso zeigen Studien eine erhöhte Suizidalität im neurodivergenten Formenkreis, insbesondere dann, wenn wiederholte Fehlanpassung, Missverständnisse und institutioneller Druck bestehen.

 

Häufig folgen darauf Kaskaden weiterer Diagnosen, Behandlungen und Maßnahmen, die Symptome verwalten, aber die zugrunde liegende Dysregulation nicht adressieren. Das erzeugt individuelles Leid und hohe gesellschaftliche Kosten, obwohl vieles davon vermeidbar wäre. Ein integrativer, regulativer Ansatz würde nicht nur Leid reduzieren, sondern auch medizinische, psychologische und soziale Folgekosten deutlich senken.

Regulation vor Intervention

 

Regulation geschieht zuerst körperlich, nicht über Einsicht. In Überlastung helfen einfache, rhythmische, sichere Reize: Summen, Singen, leise Laute; gleichmäßiges Wiegen oder Schaukeln; Wärme, tiefer Druck, Gewichtsdecken; ruhige Anwesenheit ohne Forderung; Natur und Tiere.

 

Solche Verhaltensweisen (oft als Stimmingbezeichnet) sind funktionale Selbstregulation. Mehr ist manchmal nicht möglich – und in diesen Zuständen auch nicht sinnvoll.

Reizüberflutung und Dauerstress

 

Dauerreize wirken direkt auf das Gehirn. Geräusche, visuelle Dichte, soziale Spannung und fehlende Rückzugsmöglichkeiten halten Stressachsen aktiv. Neurodivergente Nervensysteme filtern Reize häufig weniger stark; was für andere Hintergrundrauschen ist, trifft ungefiltert ein. Ohne echte Pausen bleibt das System im Alarmzustand. Lernen, Beziehung und Entwicklung leiden.

 

Essen, Trinken und Substanzgebrauch als Regulationsmarker

 

Essen und Trinken sind Grundbedürfnisse der Regulation, keine Erziehungsfelder.

Viele neurodivergente Menschen reagieren auf Konsistenzen, Gerüche oder Temperaturen mit Ekel oder Abwehr – nicht aus Trotz, sondern aus sensorischer Realität. Zwang erhöht Stress und begünstigt Essstörungen, Dissoziation und Kontrollverlust.

 

Auch Trinken reguliert. In Stress- oder Trauma-Folgezuständen berichten viele von starkem Durst oder erhöhtem Flüssigkeitsbedarf. Das ist ein physiologisches Signal, kein Fehlverhalten.

 

Auch Substanzgebrauch ist im neurodivergenten Formenkreis häufig kein Ausdruck von Genuss- oder Risikoverhalten, sondern ein Versuch der Selbstregulation. Insbesondere Cannabis wird von vielen genutzt, um Reizüberflutung, innere Unruhe, Schlaflosigkeit oder Schmerz zu dämpfen. Die Wirkung auf neurodivergente Nervensysteme unterscheidet sich dabei deutlich von neurotypischen Verarbeitungsweisen. Gleichzeitig erhöht fehlende Aufklärung und pauschale Kriminalisierung das Risiko von Abhängigkeit, Beschämung und weiterer Traumatisierung.

 

Das schließt medizinische Abklärung nicht aus, sondern ordnet Essen, Trinken und Substanzgebrauch primär als Regulations- und Stressmarker ein.

Soziale Situationen, Schule, Arbeit und Verwaltung

 

Viele neurodivergente Menschen fürchten bewertende Kontexte: Schule, Arbeit, Ämter. Nicht wegen mangelnder Kompetenz, sondern wegen der Sorge, sich falsch zu artikulieren – zu viel, zu wenig, zu direkt oder zu komplex.

Dichte Formulare, Zeitdruck und unklare Sprache erzeugen Alarmzustände. Flüchtigkeitsfehler entstehen aus Überlastung und haben dennoch gravierende Folgen. Das ist fehlende Passung zwischen Nervensystem und Struktur, kein individuelles Versagen.

Warum nicht anschlussfähige Verhaltensänderungen scheitern

 

Verhaltensänderungen, die nicht neurobiologisch anschlussfähig sind, funktionieren nicht nachhaltig. Sie erzwingen Anpassung, erzeugen aber neue Symptome. Ein dysreguliertes Nervensystem integriert kein neues Verhalten.

 

Die Folgen dieser Fehlpassung zeigen sich nicht selten in institutionellen Eskalationen. Neurodivergente Menschen – insbesondere mit ADHS-assoziierten Regulationsmustern oder autistischen Wahrnehmungsweisen – sind im Strafvollzug und in forensischen Kontexten überrepräsentiert. Nicht, weil sie häufiger kriminell handeln, sondern weil Impulsdurchbrüche, Missverständnisse, Überforderung und fehlende regulatorische Unterstützung sanktioniert statt verstanden werden. Was als Regelverstoß gelesen wird, ist oft eine neurobiologische Notfallreaktion in einem System ohne Passung.

 

So stapeln sich Diagnosen und Kosten, obwohl die ursprüngliche Neurobiologie nicht pathologisch war. Hier wirkt kontinuierliche Gewalt auf das Nervensystem – strukturell, nicht individuell.

 

Häufigkeit, Untererfassung und Gleichstellung

 

Neurodivergente Ausprägungen betreffen zusammengenommen einen erheblichen Anteil der Bevölkerung. Konservative Schätzungen gehen von mindestens 20–30 % der Bevölkerung aus. Die tatsächliche Zahl liegt vermutlich höher, da viele Ausprägungen selten, spät oder gar nicht erfasst werden – insbesondere bei Frauen, nicht-stereotypen Präsentationen, sensorischen Profilen und traumaassoziierter Regulation.

 

Was nicht gezählt wird, wird nicht geschützt. Untererfassung ist eine Gleichstellungsfrage.

 

Bildung, Teilhabe und Koregulation

 

Alle Menschen sind gleich an Würde und Rechten. Unterschiede in der Neurobiologie begründen keine Ungleichwertigkeit, sondern einen Anspruch auf gleiche Teilhabe unter unterschiedlichen Bedingungen.

 

Wo ambulante, familiennahe oder gemeindenahe Unterstützung fehlt, werden insbesondere autistische Menschen überdurchschnittlich häufig in Pflege- oder Betreuungseinrichtungen untergebracht – teils aus Schutz, teils aus strukturellem Mangel an anderen tragfähigen Lösungen.

 

Ein faires Bildungs- und Sozialsystem reduziert Reizbelastung, ermöglicht Rhythmus statt Dauerleistung und stellt Regulation vor Leistung. Davon profitieren alle.

 

Tiere sind wirksame Co-Regulatoren: Präsenz, Rhythmus und nonverbale Resonanz reduzieren Stress und fördern Beziehung. Pauschale Ausschlüsse sind Verwaltungslogik, keine fachliche Notwendigkeit.

 

Schluss

 

Neurodivergente Menschen brauchen keine Korrektur.

Neurotypische Maßstäbe sind kein universelles Raster für menschliche Funktionsfähigkeit.

 

Was gebraucht wird, sind Rahmenbedingungen, unter denen unterschiedliche Nervensysteme regulieren können: weniger Reiz, mehr Klarheit, weniger Druck, mehr Sicherheit.

 

Systeme, die diese Realität ernst nehmen, reduzieren Leid, fördern Gesundheit und verhindern strukturelle Krankmachung.

Hinweis:

Der hier dargestellte Ansatz stützt sich u. a. auf neurobiologische Stressforschung, Konzepte der Neurodiversität, trauma-informierte Pflege sowie internationale Rahmen zu Behinderung und Teilhabe (z. B. McEwen; van der Kolk; National Autistic Society; WHO; UN-CRPD).

Ethische Einordnung & Urheberrecht

Dieser Text dient der Einordnung, Verständigung und Reflexion.

Er entsteht aus Metakognition (bewusstes Beobachten und Ordnen von Wahrnehmung, Denken und Reaktion) sowie aus schöpferischer Verdichtung komplexer Erfahrung.

Er ersetzt keine medizinische, psychologische oder psychiatrische Diagnostik,

keine Therapie

und keine rechtliche Beratung oder Bewertung.

Es werden keine Behandlungen angeboten

und keine individuellen Therapie- oder Handlungsempfehlungen gegeben. 

Bei sensiblen Themen wie Gewalt, Machtmissbrauch oder strukturellem Versagen dient dieser Text der Einordnung und Verständigung – nicht der Ersetzung von Schutz, rechtlicher Klärung oder professioneller Hilfe.

 

Alle Inhalte sind urheberrechtlich geschützt.

Texte, Formulierungen und Strukturen dürfen nicht ohne ausdrückliche Zustimmung ganz oder auszugsweise übernommen, vervielfältigt oder kommerziell genutzt werden.

Zitate sind nur mit klarer Quellenangabe und unverfälscht zulässig.