Stille Signale bei Gefahr und Gewalt
Nicht jede Gefahr kann ausgesprochen werden.
Nicht jede Situation erlaubt offene Worte.
Deshalb haben sich international stille Zeichen, Codes und indirekte Hilferufe etabliert. Sie werden genutzt von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, wenn Sprache blockiert, überwacht oder zu riskant ist. Diese Signale dienen nicht der Beweisführung. Sie dienen dazu, Wahrnehmung herzustellen und Schutz anzufordern.
Ein weltweit bekanntes Zeichen ist das sogenannte Handzeichen für Hilfe. Dabei wird die Handfläche offen gezeigt, der Daumen in die Handfläche gelegt und anschließend die Finger darüber geschlossen, sodass eine Faust entsteht. Dieses Zeichen bedeutet: Ich bin in Gefahr. Ich brauche Hilfe. Es kann kurz, einmalig oder wiederholt gezeigt werden, auch beiläufig aus einer Bewegung heraus. Entwickelt wurde es 2020 von der Canadian Women’s Foundation und verbreitete sich international als niedrigschwelliges Signal in Gewaltkontexten.
In öffentlichen Räumen existieren zudem Codefragen, die diskret Hilfe ermöglichen. In Deutschland ist dies die Frage „Ist Luisa hier?“, die vor allem in Bars, Clubs und auf Veranstaltungen genutzt wird. International bekannt ist auch „Ask for Angela“. Beide Formulierungen sind bewusst unauffällig gehalten. Geschultes Personal erkennt sie als Hilferuf und organisiert Unterstützung, ohne öffentliche Aufmerksamkeit oder Nachfragen.
Auch im Gesundheits- und Pflegekontext gibt es etablierte Schutzmechanismen. In Apotheken, Arztpraxen oder Kliniken wurden in einzelnen Ländern Codewörter und feste Abläufe eingeführt, etwa „Mask 19“, um Gewaltbetroffenheit anzuzeigen. Darüber hinaus gelten Bitten um ein Gespräch unter vier Augen, der Wunsch nach einem Einzelgespräch ohne Begleitpersonen oder Aussagen wie „Ich kann hier nicht frei sprechen“ als relevante Schutzsignale. Für Pflegekräfte, Ärztinnen und Ärzte sind solche Hinweise keine Nebensächlichkeiten, sondern ernstzunehmende Anzeichen, die geschützt weitergeführt werden müssen.
In digitalen Räumen, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen, werden häufig Emojis, Codes oder extrem kurze Nachrichten genutzt, wenn offene Sprache nicht möglich ist. Dazu zählen Warnsymbole wie 🆘 ⚠️ ❗, zuvor vereinbarte Emojis, kurze Nachrichten ohne Kontext („Bitte jetzt“, „Kannst du kommen?“) oder das sofortige Löschen gesendeter Nachrichten. Die Bedeutung entsteht durch Vereinbarung, Wiederholung oder den situativen Zusammenhang.
Neben vereinbarten Codes zeigen Menschen Not auch nonverbal: durch bewusstes Suchen von Blickkontakt, Nähe-Suche zu fremden, aber ansprechbaren Personen, das Vermeiden bestimmter Personen oder das gezielte Aufsuchen öffentlicher, sicherer Orte wie Apotheken, Praxen, Informationsstellen oder Schulbüros. Diese Signale wirken oft unscheinbar. Sie verlangen Aufmerksamkeit, nicht Interpretation.
All diese Zeichen sind keine Beweise und keine Diagnosen. Sie ersetzen keine professionelle Abklärung, keine Therapie und keine rechtliche Bewertung. Sie existieren, weil viele Menschen erleben, dass Sprache allein nicht schützt. Wo solche Signale wahrgenommen und ernst genommen werden, entsteht Anschluss. Wo sie ignoriert werden, verstummen Menschen.
Quellen & Einordnung (Auswahl)
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Canadian Women’s Foundation (2020)
Entwicklung und internationale Verbreitung des Signal for Help (Handzeichen für Hilfe) als stilles, niedrigschwelliges Schutzsignal bei Gewalt.
https://canadianwomen.org/signal-for-help/ -
Frauen-Notruf Münster (seit 2016)
Initiative „Ist Luisa hier?“ – Codefrage zur diskreten Hilfeanforderung in Bars, Clubs und auf Veranstaltungen in Deutschland; inzwischen in zahlreichen Städten umgesetzt.
https://www.luisa-ist-hier.de/ -
Metropolitan Police London / UK Safety Initiatives
„Ask for Angela“ – Codephrase zur Unterstützung in Gefahrensituationen im öffentlichen Raum, insbesondere im Nachtleben.
https://www.met.police.uk/askforangela -
European Institute for Gender Equality (EIGE)
Überblick zu Codewörtern und Schutzmechanismen in Europa, u. a. „Mask 19“ in Apotheken (regional/national unterschiedlich umgesetzt).
https://eige.europa.eu/ -
UN Office of the High Commissioner for Human Rights (OHCHR)
Berichte zu Schutzstrategien bei häuslicher und sexualisierter Gewalt, inklusive diskreter Hilferufe im Gesundheitswesen.
https://www.ohchr.org/ -
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ)
Informationen zu Hilfesystemen, Gewaltprävention und Schutzstrukturen in Deutschland.
https://www.bmfsfj.de/
Ethische Einordnung & Urheberrecht
Dieser Text dient der Einordnung, Verständigung und Reflexion.
Er entsteht aus Metakognition (bewusstes Beobachten und Ordnen von Wahrnehmung, Denken und Reaktion) sowie aus schöpferischer Verdichtung komplexer Erfahrung.
Er ersetzt keine medizinische, psychologische oder psychiatrische Diagnostik,
keine Therapie
und keine rechtliche Beratung oder Bewertung.
Es werden keine Behandlungen angeboten
und keine individuellen Therapie- oder Handlungsempfehlungen gegeben.
Bei sensiblen Themen wie Gewalt, Machtmissbrauch oder strukturellem Versagen dient dieser Text der Einordnung und Verständigung – nicht der Ersetzung von Schutz, rechtlicher Klärung oder professioneller Hilfe.
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