Das affektive Prozessmodell
Reiz – Filter – Affekt – Emotion – Kette – Zustand – Entwicklung
Dieses Modell beschreibt die grundlegende Dynamik menschlicher Affektverarbeitung.
Es gilt universell.
Es erklärt Mechanik – keine einzelne Biografie.
Ausgangspunkt
Ein Reiz ist jede bedeutsame Veränderung im Innen oder Außen.
Ein Wort.
Ein Blick.
Nähe oder Distanz.
Anerkennung oder Kritik.
Ein Gedanke.
Eine Erinnerung.
Ein körperliches Signal.
Doch:
Reize wirken nicht direkt.
Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Filter.
Der Reizfilter – individuelle Wahrnehmungsarchitektur
Jeder Mensch verfügt über eine individuelle Reizverarbeitung.
Dieser Filter wird geprägt durch:
• Bindungserfahrungen
• frühere emotionale Muster
• soziale Prägung
• kulturelle Bedeutungszuweisungen
• neurobiologische Besonderheiten
• neurodivergente Wahrnehmungsstile
Das bedeutet:
Ein identischer Reiz kann unterschiedliche Affekte auslösen.
Der Filter arbeitet meist unbewusst.
Er entscheidet, ob etwas als Bedrohung, Bindung, Kränkung oder Chance erlebt wird.
Affektive Dynamik ist daher kontextabhängig.
Sie ist nicht linear.
Sie ist relational.
Der Affekt – erste körperliche Aktivierung
Ein Affekt ist die unmittelbare körperliche Reaktion auf einen als bedeutsam bewerteten Reiz.
Er ist:
• schnell
• automatisch
• physiologisch messbar
• handlungsorientiert
Neurobiologisch spielen limbische Strukturen eine zentrale Rolle, insbesondere die
Affekt ist Aktivierungsenergie.
Noch ohne Narrativ.
Emotion – bewusste Einordnung
Sobald der Affekt kognitiv erfasst wird, entsteht Emotion.
Affekt + Bewertung + Kontext = Emotion.
Hier wird die körperliche Aktivierung sprachlich integriert.
Emotion schafft Bedeutung.
Bedeutung formt Selbstbild und Weltbild.
Die affektive Kette – Lernen durch Wiederholung
Affekte lösen Folgeprozesse aus:
Reiz
→ Filter
→ Affekt
→ Bewertung
→ Folgeaffekt
→ Verhalten
→ soziale Rückmeldung
Wiederholen sich diese Sequenzen, verstärken sich neuronale Verbindungen.
Das ist erfahrungsabhängige Neuroplastizität.
Das Nervensystem speichert nicht nur Ereignisse.
Es speichert Reaktionsmuster.
Intermittierende Verstärkung
Wenn positive und negative Reize unregelmäßig wechseln, entsteht eine starke Lernwirkung.
Das dopaminerge System reagiert besonders sensibel auf unvorhersehbare Belohnung.
Strukturen wie der Nucleus accumbens sind hier beteiligt.
Das erklärt:
• starke Bindung in instabilen Dynamiken
• Wiederholungsmuster trotz rationaler Einsicht
• suchtähnliche Prozesse in Beziehungskontexten
Auch hier gilt:
Es handelt sich um Lernmechanik, nicht um moralisches Versagen.
Affektiver Zustand – Grundaktivierung
Wiederholte affektive Ketten führen zu stabilen Zuständen.
Ein affektiver Zustand ist eine eingestellte Grundaktivierung des Nervensystems.
Er beeinflusst:
• Wahrnehmung
• Beziehungsfähigkeit
• Entscheidungsverhalten
• Selbstbild
Zustände können desintegrativ oder stabilisierend wirken.
Zeitlosigkeit und implizite Speicherung
Starke Affekte werden häufig implizit gespeichert.
Implizite Muster tragen keinen klaren Zeitstempel.
Ein aktueller Reiz kann eine frühere Reaktionskette aktivieren,
ohne dass die Situation bewusst erinnert wird.
Erst die kognitive Einordnung schafft Differenz zwischen „damals“ und „jetzt“.
Soziale Einbettung
Affektive Dynamik entsteht nicht im Vakuum.
Sie ist eingebettet in:
• Beziehung
• Machtverhältnisse
• soziale Rollen
• institutionelle Strukturen
• kulturelle Bedeutungsrahmen
Affekte sind biologisch.
Ihre Ausformung ist relational.
Individuelle Reaktion und soziale Struktur wirken zusammen.
Entwicklung – Wiederholung oder Integration
Affektive Prozesse können in zwei Richtungen führen:
Unintegriert
→ Wiederholung
→ Eskalation
→ Erschöpfung
Integriert
→ Einordnung
→ Selbstregulation
→ Resilienz
Neuroplastizität bedeutet:
Auch etablierte Muster sind veränderbar.
Modellformel
Reiz
→ individueller Filter
→ Affekt
→ Emotion
→ affektive Kette
→ Zustand
→ Entwicklung
Dieses Modell wird fortlaufend weiterentwickelt.
Methodische Herleitung
Das affektive Prozessmodell folgt einer prozesslogischen Handlungskette.
Seine Struktur entspricht dem Prinzip einer Pflegeplanung – übertragen auf affektive, psychodynamische und gesellschaftliche Ebenen.
Reiz, Bewertung, Reaktion, Zustand und Entwicklung werden in ihrer Abfolge analysiert und auf Integrationsfähigkeit geprüft.
Diese Struktur ermöglicht es, Wiederholung, Eskalation oder Integration nachvollziehbar zu machen.
Wissenschaftliche Anschlussfähigkeit
Dieses Modell stützt sich auf etablierte Konzepte aus:
• affektiver Neurowissenschaft (Panksepp)
• Emotionsforschung / Appraisal-Theorie (Lazarus)
• Neuroplastizitätsforschung (Hebb, moderne Lernforschung)
• Lerntheorie / intermittierende Verstärkung (Skinner, Schultz)