Verlassenheit

 

Zur Chronifizierung eines affektiven Zustands


Verlassenheit ist kein situatives Gefühl.
Sie ist kein kurzfristiger Affekt.

Chronifizierung bedeutet hier die wiederholte, nicht integrierte affektive Aktivierung unter Bedingungen ausbleibender relationaler Regulation.

Im affektiven Prozessmodell steht Verlassenheit nicht am Anfang, sondern am Ende einer Kette.

Reiz → Filter → Affekt → Emotion → affektive Kette → Zustand.

Der auslösende Affekt ist in bindungsrelevanten Situationen häufig Verlustangst.
Verlustangst mobilisiert. Sie sucht. Sie aktiviert Kontaktaufnahme, Reparatur, Beziehungssicherung.

Wird diese Bewegung wiederholt nicht beantwortet, entsteht eine Bestätigungserfahrung:
Bindung ist nicht erreichbar. Resonanz bleibt aus. Reparatur erfolgt nicht.

Bleibt diese Erfahrung nicht singulär, sondern wiederholt sich, verändert sich die innere Organisation.

Die Suchbewegung reduziert sich.
Die Hoffnung sinkt.
Die Erwartung an Resonanz wird abgesenkt.

Verlustangst transformiert sich in Verlassenheit.

Verlassenheit ist somit keine Reaktion auf einen einzelnen Verlust.
Sie ist das Ergebnis wiederholter, nicht integrierter Verlustangst.

 

Strukturveränderung durch Chronifizierung

   •   eine dauerhaft abgesenkte Erwartung an Zugehörigkeit
   •   reduzierte Initiative zur Kontaktaufnahme
   •   erhöhte Selbstregulationslast
   •   latente Scham
   •   gedämpfte Zukunftserwartung

Das Nervensystem organisiert sich um.

Was ursprünglich ein aktivierender Affekt war, wird zu einer stabilisierten Grundhaltung:
Zugehörigkeit wird nicht mehr antizipiert.

Diese Veränderung ist nicht primär kognitiv.
Sie ist neurophysiologisch eingebettet. Wiederholte Stressaktivierung ohne Regulation führt langfristig zu Anpassungsprozessen, die sich in Rückzug, Erschöpfung und affektiver Dämpfung äußern können.

Verlassenheit ist daher verkörpert.

 

Sprachlosigkeit des Zustands

Ein wesentliches Merkmal chronifizierter Verlassenheit ist ihre mangelnde Benennbarkeit.

Viele Menschen können diesen Zustand nicht ausdrücken.
Sie sprechen nicht von Verlassenheit.

Stattdessen zeigen sich:
   •   Rückzug
   •   Isolation
   •   psychosomatische Beschwerden
   •   scheinbare Gleichgültigkeit
   •   reduzierte Hilfesuche

Scham spielt dabei eine zentrale Rolle.
Wer sich verlassen fühlt, internalisiert häufig die Annahme, selbst defizitär zu sein.

Diese Selbstzuschreibung verhindert nicht selten die Inanspruchnahme von Unterstützung.
Nicht aus Desinteresse, sondern aus der stabilisierten Erwartung, ohnehin keine tragfähige Resonanz zu erhalten.

 

Innere Obdachlosigkeit

Chronifizierte Verlassenheit kann in einen Zustand innerer Obdachlosigkeit münden.

Innere Obdachlosigkeit beschreibt keine materielle Situation, sondern einen existenziellen Zustand:
   •   kein erlebtes Gehalten-Sein
   •   kein stabiles Gefühl von Zugehörigkeit
   •   keine verlässliche relationale Einbettung

Ein Mensch kann sozial eingebunden erscheinen und dennoch innerlich entkoppelt sein.

Äußere Obdachlosigkeit ist ein sichtbares Phänomen.
Innere Obdachlosigkeit ist ein affektiver Zustand.

Verlassenheit bildet eine mögliche Brücke zwischen beiden Ebenen, ist jedoch nicht auf sie reduzierbar.

 

Verlassenheit und suizidale Entwicklung

Suizidale Entwicklungen entstehen häufig nicht aus akuter Affektüberflutung, sondern aus chronifizierten Zuständen relationaler Entkopplung.

Wenn Verlassenheit stabilisiert ist und keine korrigierende Beziehungserfahrung erfolgt, kann sich auf Entwicklungsebene eine Neubewertung einstellen:

Die eigene Existenz erscheint relational bedeutungslos.

Hier entsteht die gefährliche Schwelle.
Nicht im Moment maximaler Emotion, sondern in der resignativen Stabilisierung.

Verzweiflung aktiviert noch.
Chronifizierte Verlassenheit dämpft.

Diese Dämpfung ist suizidpräventiv relevant.

Suizidale Gedanken entstehen im Modell auf der Entwicklungsebene – nicht als isolierter Affekt, sondern als Folge chronifizierter affektiver Zustände.

Zusammenfassung

Verlassenheit ist:
   •   kein Primäraffekt
   •   keine situative Stimmung
   •   keine Persönlichkeitseigenschaft

Sie ist ein chronifizierter affektiver Zustand, entstanden aus wiederholter, nicht regulierter Verlustangst unter Bedingungen ausbleibender Resonanz.

Sie verändert die innere Organisation.
Sie reduziert die Erwartung an Zugehörigkeit.
Sie erschwert Hilfesuche.
Sie kann in innere Obdachlosigkeit münden.
Sie kann suizidale Entwicklungen begünstigen.

Verlassenheit ist nicht laut.
Sie ist strukturell.

Und gerade deshalb bleibt sie oft unbenannt.

@ Alexandra Küpper-Virgils

 

 

Wissenschaftliche Referenzrahmen 

   •   Affektive Neurowissenschaft (Jaak Panksepp)

   •   Appraisal-Theorie der Emotion (Richard Lazarus)

   •   Stress- und Neuroplastizitätsforschung (Donald Hebb; moderne Traumaforschung)

   •   Bindungstheorie (John Bowlby; Mary Ainsworth)

   •   Polyvagal-Theorie (Stephen Porges)