Peer – Was ist Peer-Arbeit und warum betrifft sie uns alle?
Bevor ich über Reformen, Zahlen oder politische Strukturen schreibe, beginne ich mit einem Begriff, der häufig missverstanden wird:
Peer.
Ein Peer ist kein Aktivist.
Kein Therapeut.
Kein Ersatz für professionelle Hilfe.
Ein Peer ist ein Mensch mit eigener Erfahrung in einem bestimmten Lebens- oder Lebensbereich,
der diese Erfahrung reflektiert, stabilisiert und verantwortungsvoll einbringen kann.
Peer bedeutet auch:
„Das hat mir geholfen. Finde deinen eigenen Weg.“
Es geht nicht um Belehrung.
Es geht um Orientierung.
Peer bedeutet:
Erfahrung + Reflexion + Haltung.
Mehr Menschen sind Peer, als sie denken
Peer-Arbeit wird oft nur mit Psychiatrie oder Selbsthilfe verbunden.
Das greift zu kurz.
Peer kann in jedem Lebensbereich entstehen – überall dort, wo Menschen Schicksale tragen, Belastung kennen, sich durchgearbeitet haben und daraus Orientierung geben können.
Ein Peer kann sein:
• jemand, der nach Gewalt oder Verlust wieder handlungsfähig wurde
• jemand, der nach Krankheit oder Krisen den Weg zurück ins Leben gefunden hat
• jemand, der gelernt hat, Grenzen zu setzen, ohne zu verhärten
• jemand, der einen Beruf gewechselt hat, ohne zu zerbrechen
• jemand, der als Angehöriger gelernt hat, nicht mitzuertrinken, nicht mitzuverbrennen
Und ja: Auch in ganz normalen Alltagsberufen sitzt jeden Tag Leben auf dem Stuhl.
• Friseurinnen hören Geschichten, Trennungen, Trauer, Angst, Überforderung.
• Physiotherapeutinnen begleiten Schmerz, Körpergedächtnis, Erschöpfung.
• Handwerker erleben Existenzdruck, Rücken, Überlastung, Scheidung, Alkohol.
• Verkäuferinnen, Taxifahrer, Gastronomie – Menschen im Kontakt erleben täglich, wie es anderen wirklich geht.
Peer ist nicht „systemrelevant“.
Peer ist menschenrelevant.
Wer kann Peer werden?
Jeder Mensch kann Peer werden – wenn er bereit ist, Verantwortung zu tragen.
Nicht Herkunft entscheidet.
Nicht Status.
Nicht Titel.
Entscheidend ist:
Erfahrung + Reflexionsfähigkeit + Haltung.
Gleichzeitig gilt: Peer-Arbeit ist offen – aber nicht beliebig.
Denn Peer ist keine Bühne.
Peer ist Beziehung.
Qualität und Eignung
Nicht jede Erfahrung qualifiziert automatisch zur Begleitung anderer.
Unverarbeitete Wut, ungeklärte Verletzungen oder fehlender Reflexionsraum können dazu führen, dass Unterstützung in Polemik kippt oder eigene Konflikte unbewusst weitergegeben werden.
Gerade deshalb braucht Peer-Arbeit Struktur:
• Eignung (Stabilität, Grenzen, Reflexionsfähigkeit)
• Ausbildungsinhalte (Grundlagen, Gesprächsführung, Ethik)
• Supervision (Schutz vor Übertragung, Entlastung, Qualität)
• Klare Rollen (Peer ist Peer – nicht Therapie, nicht Kontrolle)
Peer bedeutet nicht:
„Ich habe etwas erlebt, also weiß ich Bescheid.“
Peer bedeutet:
„Ich habe etwas erlebt, reflektiert, integriert – und kann verantwortungsvoll damit umgehen.“
Professionen – und warum sie eine besondere Rolle haben können
Professionen stehen nicht im Vordergrund, weil sie „wichtiger“ wären.
Sondern weil sie oft bereits Fachwissen, Systemkenntnis und Erfahrung mitbringen.
Menschen aus Pflege, Pädagogik, Rettungsdienst, Polizei, Bundeswehr, Verwaltung, Sozialarbeit oder Therapie-nahen Berufen können – wenn sie eigene Erfahrungen reflektiert haben – später auch Ausbilder und Qualitätsträger werden.
Nicht als „obere Kaste“.
Sondern als Rahmengeber für Inhalte, Ethik und Prozessqualität.
Peer bleibt offen für alle.
Ausbildung braucht Struktur.
Peer und Pathologisierung
Eine offene, qualitätsgesicherte Peer-Struktur wirkt einem Trend entgegen, der zunehmend sichtbar wird: vorschnelle Pathologisierung.
Psychische Begriffe sind wichtig für Versorgung und Schutz.
Sie verlieren ihren Sinn, wenn sie Menschen auf Etiketten reduzieren.
Begriffe wie „psychotisch“, „paranoid“ oder „gestört“ werden im Alltag schnell benutzt – oft ohne Kontext.
Dabei ist klar:
• Hypervigilanz ist in Bedrohungssituationen ein Überlebensmechanismus.
• Fragmentierte Erinnerung ist eine typische Traumafolge.
• Emotionale Dysregulation ist eine Schutzreaktion des Nervensystems.
Diagnosen sind notwendig, wenn Versorgung organisiert werden muss.
Aber Menschen sind mehr als ihre Diagnose.
Peer-Arbeit stellt den Kontext wieder her:
Biografie, Ressourcen, Selbstwirksamkeit.
So entsteht Anerkennung statt Zuschreibung.
Die Handlungskette: Wo Peer praktisch wird
Hier ist die strukturelle Logik – einfach, nachvollziehbar:
Belastung
→ Menschen geraten in Krisen, Gewalt, Krankheit, Überforderung
Systemkontakt
→ Verfahren, Behörden, Gutachten, Wartezeiten, Zuständigkeiten
Bruchstelle
→ Trauma bedeutet oft Fragmentierung: Erinnerung, Sprache, Orientierung sind nicht stabil
→ genau dann wird Beweis, Kohärenz und „Funktionieren“ verlangt
Gerade in dieser Phase ist Selbstregulation oft eingeschränkt.
Folge ohne Begleitung
→ Rückzug, Resignation, Chronifizierung
→ Verlust von Beruf, Teilhabe, sozialer Anbindung
Alternative mit Peer & Lotse
→ Orientierung, Stabilisierung, Übersetzung von Systemlogik
→ weniger sekundäre Belastung
→ höhere Chance auf Rückkehr in Arbeit oder sinnvolle Neuorientierung
Peer ist hier nicht „nett“.
Peer ist präventive Struktur.
Warum ich mit diesem Thema beginne
Wir haben Gesetze.
Wir haben Fachwissen.
Wir haben Mechanismen.
Was fehlt, ist die systematische Verbindung.
Peer ist diese Verbindung.
Ich beginne mit Peer, weil Peer die Brücke ist:
zwischen Erfahrung und System.
zwischen Mensch und Verfahren.
zwischen Krise und Rückkehr.
Nicht als Gegenmodell zur Politik.
Sondern als Ergänzung.
Menschen brechen selten an Ereignissen.
Sie brechen an fehlender Verbindung.
Nicht als moralische Bewegung.
Sondern als Reformarchitektur.
Peer reduziert Folgekosten sekundärer Belastung.
Dieser Artikel ist der Auftakt.
Weitere Texte werden sich mit Struktur, Qualitätssicherung und praktischer Umsetzung befassen.