Trauma anerkennen – warum jede Gewalterfahrung zählt

Ein Essay über Schock, Retraumatisierung und die Folgen systemischer Vermeidung

Trauma ist kein Modebegriff. Es ist auch keine individuelle Schwäche. Trauma

beschreibt eine biologische Ausnahmesituation des menschlichen Organismus –

ausgelöst durch überwältigende Ereignisse, bei denen Schutz, Kontrolle und

Orientierung verloren gehen. Diese Reaktion ist universell. Sie betrifft jeden Menschen,

unabhängig von Herkunft, Bildung oder Lebensgeschichte.

Dennoch hält sich in Gesellschaft, Medizin und Justiz hartnäckig eine Fehlannahme:

dass Trauma relativierbar sei. Dass es „größere“ und „kleinere“ Traumata gebe. Und

vor allem, dass Menschen mit einer Vorgeschichte weniger Anspruch auf Anerkennung

neuer Gewalterfahrungen hätten. Genau diese Annahme ist fachlich falsch – und

gesellschaftlich hochproblematisch.

Jedes Trauma ist ein Schockereignis

Aus neurobiologischer Sicht ist Trauma immer ein Einzelschock. Ein Bombeneinschlag

im Krieg ist ein Schock. Ein schwerer Übergriff ist ein Schock. Eine massive Bedrohung

ist ein Schock. Das Nervensystem reagiert nicht mit Rückblick auf Akten oder

Biografien, sondern im Hier und Jetzt.

Bei einem Schock werden innerhalb von Sekunden Stresssysteme aktiviert: das

sympathische Nervensystem, die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse, die

Ausschüttung von Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol. Wahrnehmung verengt sich,

Gedächtnis speichert fragmentiert, der Körper mobilisiert oder erstarrt. Diese Reaktion

ist identisch – unabhängig davon, ob jemand zuvor psychisch gesund war oder bereits

belastet.

Der Unterschied liegt nicht im Ereignis, sondern im Vorzustand des Nervensystems.

Warum frühere Traumatisierungen neue Traumata verschärfen

Menschen mit früheren Traumatisierungen tragen kein „abgehärtetes“ Nervensystem.

Im Gegenteil: Frühere Schocks hinterlassen neurobiologische Spuren. Stressbahnen

sind schneller aktivierbar, die Schwelle zur Übererregung ist niedriger, die Fähigkeit zur

Selbstregulation ist eingeschränkt. Das nennt man Sensitivierung.

Kommt es zu einem neuen Schock – etwa durch Gewalt, Krieg oder schwere Bedrohung

–, greift das Nervensystem auf bereits bekannte Überlebensprogramme zurück. AlteSchutzmechanismen werden reaktiviert, neue Stresshormone ausgeschüttet, das

System gerät schneller und tiefer in einen Ausnahmezustand. Dieses Phänomen wird als

Retraumatisierung bezeichnet.

Wichtig ist: Retraumatisierung bedeutet nicht, dass das neue Ereignis „weniger zählt“.

Es bedeutet, dass es schwerer wiegt.

Die häufig praktizierte Argumentation, eine komplexe PTBS sei allein Folge früherer

sozialer Belastungen und neue Schocks daher nicht eigenständig relevant, widerspricht

der neurobiologischen Realität. Jeder neue Schock ist ein zusätzliches Trauma – mit

eigener Wirkung, eigenem Schaden und eigenem Anspruch auf Anerkennung.

Komplexe PTBS ist kein Ausschlusskriterium

Die komplexe Posttraumatische Belastungsstörung beschreibt keine

„Charakterschwäche“, sondern die Folgen wiederholter oder langanhaltender

Traumatisierung, häufig in Kontexten von Abhängigkeit, Gewalt oder fehlendem Schutz.

Sie betrifft Affektregulation, Selbstbild und Beziehungsgestaltung.

Doch auch hier gilt: Eine bestehende komplexe PTBS macht neue Traumata nicht

irrelevant. Sie macht sie gefährlicher.

Ein Mensch mit komplexer PTBS, der ein weiteres Schockereignis erlebt – etwa einen

Bombenanschlag, einen schweren Übergriff oder massive institutionelle Gewalt –,

erleidet kein Wiederaufflammen alter Symptome allein, sondern eine neue

neurobiologische Verletzung. Diese kann bestehende Symptome verschärfen, neue

Symptome hinzufügen und die Integrationsfähigkeit weiter beeinträchtigen.

Die Vorstellung, man könne neue Gewalt mit Verweis auf frühere Belastungen

relativieren, ist fachlich nicht haltbar – und ethisch nicht vertretbar.

Die Folgen systemischer Vermeidung

Wird Trauma nicht anerkannt, entstehen Umwege. Symptome werden umetikettiert:

Angststörung, Panikstörung, Zwang, soziale Phobie, Persönlichkeitsstörung. Diese

Diagnosen beschreiben beobachtbares Verhalten, aber nicht dessen Ursache. Die Folge

ist häufig eine Behandlung, die Anpassung fordert statt Schutz zu bieten.

Besonders problematisch ist eine rein medikamentöse Versorgung ohne Traumakontext.

Psychopharmaka können stabilisieren, aber sie können auch emotionale Verarbeitung

dämpfen, Gedächtnisintegration behindern und Abhängigkeiten fördern – wenn sienicht in ein traumasensibles Gesamtkonzept eingebettet sind.

Gesellschaftlich führt diese Vermeidung zu hohen Kosten: chronischen Erkrankungen,

Arbeitsunfähigkeit, sozialem Rückzug, steigenden Versorgungsausgaben. Trauma, das

nicht gesehen wird, verschwindet nicht. Es verlagert sich.

Gewaltprävention und Schutz sind möglich

Es gibt heute wirksame Mittel zur Prävention und zum Schutz vor Gewalt:

Deeskalationstrainings, traumasensible Selbstschutzkonzepte, technische Hilfsmittel

zur Dokumentation, rechtliche Schutzinstrumente. Doch sie greifen nur, wenn

Betroffenen geglaubt wird.

Noch immer werden Opfer zu häufig geprüft, bevor sie geschützt werden. Noch immer

werden bekannte Täter geschont, während Betroffene ihre Glaubwürdigkeit verteidigen

müssen. Dieses Vorgehen produziert nicht Sicherheit, sondern Retraumatisierung.

Trauma entsteht nicht nur durch die Tat selbst – sondern auch durch das, was danach

unterbleibt.

Ein notwendiger Perspektivwechsel

Trauma ist kein Randthema. Es ist ein zentrales Gesundheits-, Sozial- und

Gesellschaftsthema. Anerkennung ist kein Akt von Mitgefühl, sondern eine fachliche

Notwendigkeit.

Was es braucht:

• die klare Anerkennung jedes Schockereignisses als eigenständiges

Trauma

• ein Ende der Relativierung durch biografische Vorannahmen

• verpflichtende trauma- und neurobiologische Grundausbildung in

Psychologie, Psychotherapie und Medizin

• eine Präventionspolitik, die Schutz vor Verwaltung stellt

• Institutionen, die zuhören, statt zu vermeiden

Solange Trauma systematisch übersehen wird, entstehen Krankheit, Leid

und hohe Folgekosten. Anerkennung schützt. Frühzeitige Einordnung

stabilisiert. Verantwortung entlastet – für Betroffene wie für Systeme.

Trauma ist behandelbar. Aber nur, wenn man aufhört, es kleinzureden.

© Alexandra Küpper-Virgils