Gesellschaftliche Verantwortung, Machtfragen und der europäische Maßstab
Unterblock / Essay 3
Dass sich diese Muster halten, obwohl Wissen, Forschung und Praxis längst anderes
nahelegen, wirft eine unbequeme Frage auf. Warum wird nicht gehandelt, obwohl die
Fakten auf dem Tisch liegen?
Die Antwort liegt nicht im mangelnden Verständnis, sondern in Bequemlichkeit und
Angst vor Machtverlust. Echte Veränderung würde Zuständigkeiten verschieben,
Entscheidungshoheit teilen und bestehende Hierarchien infrage stellen. Das betrifft
Politik, Bildung, Ärzteschaft, Krankenkassen, Verwaltung und Justiz gleichermaßen.
Dabei zeigt der Blick über nationale Grenzen, dass andere Haltungen möglich sind. In
europäischen Nachbarländern existieren Schulen und Bildungskonzepte, die weniger
normieren und stärker auf Passung setzen. Dort wird nicht zuerst gefragt, was ein
Mensch nicht kann, sondern unter welchen Bedingungen Entwicklung möglich ist. Dasist keine Frage der Größe eines Systems, sondern der Haltung, mit der es gestaltet wird.
Europa nennt sich Wertegemeinschaft, schafft es jedoch nicht, einen gemeinsamen
Mindeststandard für Bildung zu etablieren, der neurobiologische Vielfalt ernst nimmt.
Solange jedes Land an seinen tradierten Systemlogiken festhält, bleibt Inklusion ein
Wort und keine Struktur.
Gesellschaftliche Veränderung wäre möglich, wenn Verantwortung dort übernommen
würde, wo sie entsteht. Nicht durch weitere Studien, nicht durch neue Etiketten,
sondern durch die konsequente Umsetzung dessen, was längst bekannt ist. Solange
dies nicht geschieht, werden Menschen krank gemacht, Biografien beschädigt und
schließlich diejenigen sanktioniert, die sichtbar überfordert sind.
Und solange wir das nicht ändern, sitzen nicht die Gefährlichsten im Gefängnis, sondern
die Überforderten. Das ist kein individuelles Versagen..
Es ist eine systemische
Fehlentscheidung.
© Alexandra Küpper-Virgils