Früherkennung, Pflichtuntersuchungen und der verpasste Anfang
Dieser Essay zeigt, warum eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Neurodivergenz nicht im Strafvollzug oder in der Verwaltung beginnen darf, sondern bei den verpflichtenden Vorsorgeuntersuchungen im Kindesalter. Er macht deutlich, dass neurobiologische Unterschiede dort bereits erkennbar sind und als Grundlage für passgenaue, integrative Förderung genutzt werden könnten – statt später Symptome zu pathologisieren.
Wenn Neurodivergenz ernst genommen werden soll, beginnt Veränderung nicht im
Strafvollzug, nicht in der Psychiatrie und nicht in der Verwaltung, sondern sehr viel
früher. Sie beginnt dort, wo ohnehin alle Menschen erreicht werden: bei den
verpflichtenden Vorsorgeuntersuchungen im Kindesalter.
Bereits heute lassen sich im Rahmen dieser Untersuchungen Hinweise auf
unterschiedliche neurobiologische Entwicklungsverläufe erkennen. Es geht dabei nicht
um Diagnosen im Sinne von Krankheit, sondern um die Einordnung von Nervensystemen
mit unterschiedlichen Anforderungen an Umgebung, Lernen und Regulation. Diese
Einordnung ist fachlich möglich, sie ist bekannt und sie ist umsetzbar.
Statt diese Informationen jedoch als Grundlage für passgenaue Förderung zu nutzen,
werden sie häufig entweder ignoriert oder pathologisiert. Kinder werden beobachtet,
bewertet, eingeordnet, aber nicht systematisch begleitet. Dabei ließe sich an dieser
Stelle bereits festlegen, welche Form von integrativer Förderung notwendig ist, um
Entwicklung zu ermöglichen, statt später Symptome zu behandeln.
Ein solcher Ansatz würde nicht nur neurodivergente Kinder betreffen. Auch
neurotypische Kinder müssten von Beginn an lernen, dass unterschiedliche
Wahrnehmungs-, Denk- und Regulationsweisen Teil menschlicher Realität sind.
Verständnis für Neurodiversität entsteht nicht durch Appelle im Erwachsenenalter,
sondern durch frühe, selbstverständliche Erfahrung im Alltag.
Ein Bildungssystem, das an diesem Punkt ansetzt, müsste nicht reparieren, was später
eskaliert. Es würde präventiv wirken. Dass dies bislang kaum geschieht, ist kein
Erkenntnisdefizit. Es ist eine strukturelle Entscheidung, den Anfang nicht zu verändern.
@Alexandra Küppz-Virgu