Verantwortung vor Ort
Wer übernimmt sie – und wer nicht?
Trauma ist kein abstraktes Phänomen.
Es entsteht nicht erst im Diskurs, nicht erst in Statistiken, nicht erst in Gutachten.
Trauma entsteht dort, wo Menschen leben, arbeiten, lernen, dienen, helfen – und wo sie verletzt werden.
Wenn Trauma chronisch wird, liegt das selten an mangelnder Resilienz der Betroffenen.
Es liegt an fehlender Verantwortung im System.
Nicht alles lässt sich zentral regeln.
Nicht alles gehört nach Berlin.
Vieles beginnt vor Ort.
Verantwortung ist keine Zuständigkeit
Zuständigkeit beschreibt, wer formal zuständig ist.
Verantwortung beschreibt, wer handelt, wenn Schutz nötig ist.
Zwischen beidem klafft eine Lücke.
Diese Lücke füllt sich mit:
– Weiterverweisen
– Abwarten
– Abwerten
– Umdeuten
– Schweigen
Und genau dort entsteht sekundäre Traumatisierung.
Wer ist „vor Ort“?
Vor Ort sind:
– Kommunen und Landkreise
– lokale Behörden und Verwaltungen
– Schulen, Jugendämter, Gesundheitsämter
– Polizeidienststellen
– Kliniken, Beratungsstellen, Einrichtungen
– Kasernen, Einsatzorte, Ausbildungsstätten
Vor Ort entscheidet sich:
ob zugehört wird
ob geschützt wird
ob dokumentiert wird
ob jemand alleine bleibt
Trauma ist kein Erkenntnisproblem
Die biologischen, neurologischen und psychologischen Grundlagen von Trauma sind bekannt.
Auch Präventions- und Schutzmöglichkeiten sind bekannt.
Die Frage ist nicht:
Wissen wir genug?
Die Frage ist:
Warum handeln wir nicht konsequent danach?
Verantwortung heißt: Fragen zulassen
Dieser Text stellt keine Forderungen im administrativen Sinne.
Er stellt Fragen, die Verantwortung sichtbar machen.
Fragen an Kommunen und Landkreise
• Welche konkreten Schutzstrukturen existieren vor Ort für Menschen nach Gewalterfahrungen?
• Wie wird sichergestellt, dass Betroffene nicht mehrfach ihre Geschichte erzählen müssen?
• Wie wird mit fragmentierter Erinnerung umgegangen – als Traumazeichen oder als Unglaubwürdigkeit?
• Gibt es verbindliche traumasensible Schulungen für Mitarbeitende in Ämtern?
• Wer koordiniert im Akutfall – und wie lange?
• Wo endet Zuständigkeit, wo beginnt Verantwortung?
Fragen an lokale Gesundheits- und Sozialsysteme
• Wie wird Trauma in der Primärversorgung erkannt?
• Wie werden Fehldiagnosen vermieden, die Traumafolgen verschleiern?
• Wie wird verhindert, dass Symptome isoliert behandelt werden, ohne den Kontext zu prüfen?
• Welche Rolle spielt Dokumentation als Schutzinstrument?
Fragen an Polizei und Ordnungsstrukturen
• Wie wird Opferschutz im Erstkontakt konkret umgesetzt?
• Welche Rolle spielt Zeitverzögerung bei Einsätzen für Traumafolgen?
• Wie wird verhindert, dass Betroffene zuerst kontrolliert und nicht geschützt werden?
• Wie werden bekannte Täterstrukturen berücksichtigt?
• Wer trägt Verantwortung, wenn Schutz unterbleibt?
Fragen an militärische und einsatznahe Strukturen
• Wie früh beginnt Traumaprävention – erst nach dem Einsatz oder schon davor?
• Wie wird mit neuen Schockereignissen bei bereits belasteten Personen umgegangen?
• Warum wird Trauma noch immer individualisiert statt strukturell mitgedacht?
• Welche Rolle spielen Führungskräfte in der frühen Stabilisierung?
Verantwortung ist auch Unterlassen
Nicht-Handeln ist kein neutraler Zustand.
Unterlassen wirkt.
Unterlassen kann:
– Trauma vertiefen
– Chronifizierung begünstigen
– Vertrauen zerstören
– Kosten explodieren lassen
Gesundheit entsteht nicht durch Appelle zur Verhaltensänderung,
sondern durch Sicherheit, Anerkennung und Schutz.
Ein gesellschaftlicher Wendepunkt beginnt unten
Nicht alles muss neu erfunden werden.
Aber vieles muss anders ernst genommen werden.
Trauma verschwindet nicht durch Vermeidung.
Trauma verschwindet nicht durch Schweigen.
Trauma verschwindet nicht durch Umdeutung.
Verantwortung beginnt dort,
wo jemand zuhört,
wo jemand schützt,
wo jemand bleibt.
Vor Ort.
© Alexandra Küpper-Virgils