Schutz ist möglich – warum Gewaltprävention kein Erkenntnisproblem ist

Gewalt ist kein neues Phänomen.

Trauma ist kein neues Thema.

Was fehlt, ist nicht Wissen – sondern konsequentes Handeln.

Heute stehen wirksame Mittel zur Verfügung, um Menschen – insbesondere Frauen –

vor weiterer Gewalt zu schützen und Täter zur Verantwortung zu ziehen. Diese Mittel

existieren längst. Sie werden nur zu selten genutzt.

Was heute bereits möglich ist

Es gibt Deeskalationstrainings, die nachweislich wirken.

Es gibt körperbasierte Schutz- und Selbstregulationsmethoden, die Menschen

befähigen, in Bedrohungssituationen handlungsfähig zu bleiben.

Es gibt technische Hilfsmittel, die Dokumentation, Beweisführung und zeitnahe

Intervention ermöglichen.

Es gibt rechtliche Instrumente, die Schutz anordnen könnten, wenn sie konsequent angewendet würden.

Das Problem ist nicht der Mangel an Werkzeugen.

Das Problem ist ihre Nichtanwendung.

Das strukturelle Versagen beginnt im Kontakt

Immer wieder erleben Betroffene denselben Ablauf:

Sie suchen Hilfe.

Sie schildern Gewalt.

Und sie werden zuerst infrage gestellt, statt geschützt.

Nicht selten werden:

• Opfer getrennt befragt, ohne Schutzraum

• Alkohol- oder Drogenproben gefordert, bevor überhaupt zugehört wird

• Aussagen relativiert oder als „unklar“ markiert

• bekannte Täter geschont

• Zeit verstreichen gelassen, während der Notfall längst da ist

Diese Abläufe sind keine Neutralität.

Sie sind sekundäre Traumatisierung.

Ein Nervensystem, das gerade einen Gewaltakt überlebt hat, befindet sichim biologischen Notfallmodus. In diesem Zustand wirken Zweifel,

Misstrauen und Verzögerung wie eine Wiederholung der ursprünglichen Ohnmacht.

Wenn Schutz versagt, wird Mut bestraft

Besonders fatal ist, dass Menschen, die trotz Trauma handeln, häufig den höchsten

Preis zahlen:

Sie greifen ein.

Sie schützen andere.

Sie rufen Hilfe.

Und werden anschließend behandelt, als hätten sie selbst etwas falsch gemacht.

Das sendet eine verheerende Botschaft:

Schweigen ist sicherer als Zivilcourage.

Rückzug ist klüger als Schutz.

Gesellschaftlich ist das ein Desaster.

Trauma wird nicht kleiner, wenn man es ignoriert

Trauma verschwindet nicht durch Wegsehen.

Es verschwindet nicht durch Aktenlogik.

Es verschwindet nicht durch Medikalisierung ohne Kontext.

Im Gegenteil:

Nicht anerkanntes Trauma chronifiziert.

Es wird körperlich.

Es wird teuer.

Es wird generationenübergreifend.

Fehldiagnosen nehmen zu.

Medikamentengaben steigen.

Arbeitsunfähigkeit, Frühverrentung, soziale Isolation wachsen.

Das ist kein individuelles Versagen.

Das ist Systemversagen.

Was sich ändern muss – jetzt. Es braucht kein weiteres Pilotprojekt.

Es braucht Umdenken und Umsetzung.

• Zuhören, wenn Betroffene sprechen.

Ohne Vorannahmen. Ohne Verdachtshaltung.

• Schutz vor Prüfung.

Erst sichern, dann klären.

• Trauma als Ursache anerkennen, statt Symptome zu zerlegen und neu zu etikettieren.

• Verbindliche trauma-neurologische Grundausbildung

für Psycholog:innen, Psychotherapeut:innen und alle, die mit Gewaltfolgen arbeiten.

Zentrales Nervensystem, Stressphysiologie, Traumadynamiken gehören ins Pflichtcurriculum.

• Verantwortung bei Krankenkassen, Kammern und Politik.

Prävention ist günstiger als Chronifizierung. Anerkennung ist günstiger als Verdrängung.

Die klare Haltung.

Wer Trauma weiter vermeidet, produziert Krankheit.

Wer Betroffene infrage stellt, verstärkt Gewalt.

Wer Schutz verzögert, übernimmt Mitverantwortung für Folgeschäden.

Trauma anzuerkennen ist kein Akt von Nachsicht.

Es ist ein Akt von staatlicher, medizinischer und gesellschaftlicher Vernunft.

© Alexandra Küpper-Virgils