Essay 1

Projektion und Verschiebung

Es beginnt nicht im Parlament. Es beginnt im Kind.

Projektion ist kein Charakterfehler.

Sie ist eine frühe Überlebensstrategie.

Ein Kind erlebt Affekte. Wut. Angst. Ohnmacht.

Diese Affekte sind zunächst zu groß.

 

Wenn sie gehalten werden, entsteht Regulation.

Wenn sie beschämt oder übergangen werden, entsteht Abwehr.

 

Die einfachste Form dieser Abwehr lautet:

„Du bist schuld.“

 

Das ist keine moralische Entscheidung.

Es ist Entlastung.

 

Hier beginnt Projektion.

 

 

Wenn Affekt nicht integriert wird

 

Ein Affekt, der nicht integriert wird, verschwindet nicht.

Er bleibt wirksam.

 

Wird er nicht im Inneren gehalten, wird er im Außen verortet.

 

Nicht: „Ich bin überfordert.“

Sondern: „Du bist schwierig.“

 

Nicht: „Ich fühle mich unsicher.“

Sondern: „Du bist bedrohlich.“

 

Die Spannung wird reduziert.

Die Wahrnehmung wird verschoben.

 

Wiederholt sich dieses Muster, entsteht Struktur.

 

Das ist Projektionsverschiebung.

 

 

Vom Affekt zur Kategorie

 

Ein einzelner Mensch projiziert.

Ein System verschiebt.

 

Der Übergang geschieht leise.

 

In dem Moment, in dem Zuschreibungen dokumentiert, wiederholt oder normiert werden,

wird aus einem Affekt eine soziale Feststellung.

 

Aus Verhalten wird Eigenschaft.

Aus Eigenschaft wird Identität.

Aus Identität wird Status.

 

Hier entsteht Macht.

 

Nicht durch Lautstärke.

Nicht durch Ideologie.

Sondern durch Verfahren.

 

 

Warum das kein individuelles Problem ist

 

Projektion ist menschlich.

Verschiebung wird strukturell.

 

Wenn Bildungssysteme Verhalten bewerten, ohne Kontext mitzudenken,

wenn Institutionen dokumentieren, ohne Dynamik zu reflektieren,

wenn Kategorien stabiler wirken als Biografien,

 

dann wird Externalisierung nicht korrigiert, sondern verfestigt.

 

Nicht, weil Menschen unfähig sind.

Sondern weil Systeme Komplexität reduzieren.

 

Reduktion schafft Ordnung.

Und produziert Verzerrung.

 

 

Die erste Form von Gewalt

 

Gewalt beginnt nicht mit der Tat.

Sie beginnt mit der Markierung.

 

Wenn ein Mensch dauerhaft als „schwierig“, „auffällig“ oder „problematisch“ gelesen wird,

verändert das seine soziale Position.

 

Zuschreibung wirkt.

 

Sie beeinflusst Beziehung.

Sie formt Selbstbild.

Sie begrenzt Handlungsspielraum.

 

Das ist keine physische Gewalt.

Aber es ist strukturelle Wirkung.

 

Und strukturelle Wirkung bleibt nicht folgenlos.

 

 

Warum das größer ist als Psychologie

 

Projektionsverschiebung bleibt nicht im Privaten.

 

Wenn viele Individuen Spannung nach außen verlagern,

entstehen kollektive Deutungsmuster.

 

Unsicherheit wird personalisiert.

Überforderung wird zugeschrieben.

Komplexität wird vereinfacht.

 

So wird aus innerer Dynamik gesellschaftliche Realität.

 

Nicht der einzelne Mensch ist das Problem.

Sondern der Umgang mit Dysregulation.

 

 

Was Entwicklung bedeuten würde

 

Entwicklung hieße:

 

Affekte unterscheiden lernen.

Spannung aushalten lernen.

Gefühl und Tatsache trennen.

Verhalten und Identität unterscheiden.

 

Das ist keine pädagogische Nebensache.

Das ist demokratische Infrastruktur.

 

@ Alexandra Küpper-Virgils