Essay 2

Verschiebung → Institution → Klassifikation → Krankheitsproduktion.

Vereinnahmung

 

Wenn Systeme Symptome verwalten statt Ursachen zu verändern

 

Projektionsverschiebung endet nicht bei der Zuschreibung.

Sie wird wirksam, wenn sie institutionalisiert wird.

 

Ein Verhalten wird dokumentiert.

Eine Beobachtung wird festgehalten.

Ein Eindruck wird zur Akte.

 

Hier beginnt Verfestigung.

 

Nicht, weil jemand bewusst schaden will.

Sondern weil Systeme mit Kategorien arbeiten.

 

 

Vom Eintrag zur Identität

 

Dokumentation schafft Ordnung.

Aber sie schafft auch Wirkung.

 

Aus „zeigt impulsives Verhalten“

wird im nächsten Schritt

„ist impulsiv“.

 

Aus situativer Überforderung

wird ein Merkmal.

 

Aus einem Merkmal

wird eine Kategorie.

 

Und Kategorien bleiben.

 

Hier verschiebt sich der Fokus.

 

Nicht mehr:

Was ist passiert?

 

Sondern:

Was ist das für ein Mensch?

 

Das ist projektive Vereinnahmung.

 

 

Klassifikation als Machtinstrument

 

Diagnosen sind notwendig.

Sie strukturieren Versorgung.

Sie ermöglichen Behandlung.

 

Problematisch wird es, wenn Diagnose Identität ersetzt.

 

Wenn aus einer Beschreibung

eine Zuschreibung wird.

 

Wenn aus einer vorübergehenden Krise

eine dauerhafte Etikettierung entsteht.

 

Klassifikation reduziert Komplexität.

Aber sie reduziert auch Menschen.

 

Und jede Reduktion verändert Status.

 

 

Krankheitsproduktion durch Struktur

 

Unreflektierte Systeme produzieren Symptome.

 

Dauerhafte Markierung erzeugt Stress.

Stigmatisierung erzeugt Rückzug.

Kontinuierliche Zuschreibung destabilisiert Selbstregulation.

 

Wer ständig als Problem gelesen wird,

beginnt sich als Problem zu erleben.

 

Das Resultat ist nicht selten:

 

Erschöpfung.

Depression.

Angst.

Rückzug.

Aggression.

 

Die Reaktion des Systems:

 

Mehr Diagnostik.

Mehr Dokumentation.

Mehr Verwaltung.

 

Die Ursache bleibt.

 

 

Die Schleife

 

Strukturelle Überforderung

→ individuelle Dysregulation

→ Diagnose

→ administrative Fixierung

→ strukturelle Entlastung

→ Fortbestehen der Überforderung.

 

Das ist keine Verschwörung.

Das ist Systemlogik.

 

Das Individuum wird behandelbar.

Das System bleibt unangetastet.

 

 

Wenn Kontrolle Versorgung ersetzt

 

Sobald Kategorien sicherheitspolitisch gelesen werden,

verschiebt sich der Schwerpunkt.

 

Nicht mehr:

Wie helfen wir?

 

Sondern:

Wie kontrollieren wir?

 

Registrierung erscheint als Prävention.

Kann aber Stigmatisierung verstärken.

 

Nicht jede Datenerhebung ist problematisch.

Aber jede Markierung verändert Machtverhältnisse.

 

 

Der Kern

 

Projektive Vereinnahmung bedeutet:

 

Ein Mensch wird Träger struktureller Spannungen.

 

Er trägt,

was das System nicht reguliert.

 

Er wird behandelt,

während die Ursache fortbesteht.

 

Das ist strukturelle Gewalt in administrativer Form.

 

Still.

Ordentlich.

Formal korrekt.

 

Und wirksam.

 

@Alexandra Küpper-Virgils