Essay 3
Projektion & Ideologie
Ideologie
Wenn Verschiebung normativ wird
Ideologie entsteht dort, wo eine Zuschreibung nicht mehr als Zuschreibung erkannt
wird.
Ein Unterschied wird benannt.
Der Unterschied wird gedeutet.
Die Deutung wird verallgemeinert.
Ab diesem Punkt ersetzt Kategorie Kontext.
Markierbarkeit
Ideologische Verschiebung trifft nicht zufällig.
Sie richtet sich regelmäßig gegen Gruppen,
die bereits sichtbar oder gesellschaftlich randständig sind:
– Menschen mit Behinderung
– psychisch Erkrankte
– arme und obdachlose Menschen
– Frauen
– queere Personen
– ethnische und religiöse Minderheiten
– Migrantinnen und Migranten
Was diese Gruppen verbindet,
ist nicht ein gemeinsames Merkmal,
sondern ihre Markierbarkeit.
Sie lassen sich statistisch erfassen,
sprachlich benennen,
administrativ kategorisieren.⸻
Vom Merkmal zur Erklärung
Ein Merkmal wird mit einem Problem verknüpft.
Nicht mehr:
Es gibt Armut.
Sondern:
Diese Gruppe steht für Armut.
Nicht mehr:
Es gibt Gewalt.
Sondern:
Diese Gruppe ist gefährlich.
Strukturelle Ursachen werden personalisiert.
Komplexität wird reduziert.
Hier beginnt Ideologie.
Historische Erfahrung
In der nationalsozialistischen Verfolgung wurden Menschen zuerst erfasst und
kategorisiert:
– Menschen mit Behinderung
– psychisch Erkrankte
– Jüdinnen und Juden
– Sinti und Roma
– queere Menschen
– politisch Andersdenkende
Die erste Handlung war keine Gewalt.
Es war Registrierung.
Die Mechanik bestand aus:Markierung, Sonderbehandlung, Legitimation.
Historische Sensibilität bedeutet, diese Struktur zu erkennen,
bevor Eskalation eintritt.
Statistik und Deutung
Statistik beschreibt.
Ideologie deutet.
Wird eine statistische Variable als Ursache gesetzt,
verschiebt sich politische Wahrnehmung.
Was nicht erfasst wird – etwa die Gesundheitslage obdachloser Menschen –
geht in Prioritätensetzungen nicht ein.
Unsichtbarkeit verändert Mittelvergabe.
Mittelvergabe verändert Realität.
Ideologie entsteht nicht durch falsche Zahlen,
sondern durch verkürzte Interpretation.
Normative Stabilisierung
Wird eine Zuschreibung dauerhaft wiederholt,
erhält sie normativen Status.
Aus Beschreibung wird Erwartung.
Aus Erwartung wird Behandlung.
Ab hier wirkt Ideologie strukturell.
EntwicklungEine differenzierte Gesellschaft trennt:
Merkmal und Mensch.
Korrelation und Ursache.
Einzelfall und Kategorie.
Schutz und Kontrolle.
Ideologie verwischt diese Trennlinien.
Schluss
Ideologie ist verfestigte Verschiebung.
Sie beginnt mit Reduktion.
Sie stabilisiert durch Wiederholung.
Sie wirkt über Kategorie.
Nicht jede Kategorisierung ist Ideologie.
Aber jede Ideologie arbeitet mit Kategorie.
@Alexandra Küpper-Virgils